Poxymedon

Trompete / Sopranposaune / Musikwissenschaft

Quintfallsequenzen: 1473625

Die Quintfallsequenz ist die älteste harmonische Sequenz überhaupt, da sie vor allem in der klassischen Musik (Barock , erste Hälfte des 17.Jh.) entwickelt wurde. >>Seit der Generalbasszeit findet sich die Quintfallsequenz in sämtlichen Epochen und Stilen, teils in origineller Adaption, teils zum harmonischen Gemeinplatz erstarrend. In der Popularmusik und im Jazz ist sie bis heute weit verbreitet.<<[1] Ihren Ursprung nahm sie in der vorbarocken Alten Musik. Enthaltene Rekursivblöcke sind 6251 und 3625. Sie bereitet den Funktionstheoretikern große Probleme, weil das Sequenzierungsprinzip mächtiger ist als die Annahme einer Folge von dominantischen Beziehungen.

>>Die Stufenzeichen in die Funktionsschrift zu integrieren, ist musikalisch sinnvoll, wenn der Eigen-wert der Stufe Vorrang hat vor ihrer Funktion. Vorzügliches Beispiel ist die Quintfallsequenz, bei der der Durchgang durch die quintenfernten Stufen wichtiger ist als deren dominantisches Wesen, das den fal-lenden Quinten und den meist beteiligten Septimen entsatmmt.<<[2]

Mit dem von mir entwickelten neuen Stufenbezeichnungssystem  ist die Darstellung solcher Sequenzen nicht das geringste Problem mehr. Das sieht im Kern so aus:

Chromatisches Ziffernmanual

Die im Titel dieser Seite angegebene Ziffernfolge ist also die Vollkadenz, die auf der Durtonika (1) begonnen wird, alle Tonleitertöne enthält und auf 5 (Durdominante) endet. Die Funktionsbenen­nungsprobleme klassischer Analytiker werden komplett ausgehebelt, weil die 7 ab sofort zu den Grundakkorden mit eigenen Aufgaben gerechnet wird (vgl. Regel 6 sowie Funktionen der 7. Stufe). Es ist zunächst nicht weiter wichtig, ob die Sequen­zen funktional gedeutet werden können, da das Sequenzierungsprinzip, wie oben bereits zugegeben wird, hochrangiger als die Einzelfunktion einer Tonstufe mit ihrem Akkord ist. Mein Verfahren bleibt ausbaufähig und muss derzeit keinen funktionalen Er­klärungsansatz für solche Sequenzen liefern, könnte dies aber in der Zukunft, wenn die Funktion eines Akkords darin schlüs­sig beschrieben wird. In musiktheoretischen Beschreibungen der Quintfallsequenz wird zwar korrekt behauptet, dass sie aufgrund ihrer Mechanik auf beliebigen Stufen begonnen werden könne, das kommt in der Realität aber nicht vor, denn hier fängt die Quintfallsequenz entweder auf der 1, der 2 oder der 6 an, nie auf anderen Stufen.

Hier nun eine kleine Auflistung von Rockpopsongs, die diese Quintfallsequenz enthalten. In den Klammern stehen die abgekürzten Formteilbezeichnungen für Strophe, Bridge, Refrain und Totalverwendung.

Vollkadenzen

Beginn ab 1:
Christopher Cross: Arthur’s theme (+7!), Gloria Gaynor: I will survive (T), Giovi (Flamencogitarrist): Disappearing into you (R), (Jerome Kern/Hammerstein, Jazzstandard): All the things you are (S), Geri Halliwell: Here I’m calling (S, R), Gary Moore: Still got the blues (I, S), Elodie Frège & Michal: Viens jusqu’à moi (B), The Dogma (Heavy Metal): Temptation (im Gitarrensolo)

Beginn ab 2:
Jean Roch: Can you feel it (S, R 25147/23~), Toni Braxton: Fairy tale (R 25147+3+6), Carlos Ponce: Amelia (B), Escúchame (R) Dirotta su Cuba: In riva al mare (R 25147+36+6), Wise Guys: Paris (B 25147D7D 3D3D 6), Donna Summer: Love to love sou baby (B 2D51D47+36), Udo Jürgens: Liebe ohne Leiden (Z), Roland Kirk: Serenade to a cuckoo (B-Teil, Jazzstandard)

Beginn ab 6:
Lorrain McKane: Let the night take the blame (T 62514733), Umberto Tozzi: Un amore difficile (R 6+25147+3), Carlos Santana/Tom Coster: Europa (625147+36), Ozzy Osbourne: Mr. Crowley (Gitarrensolo am Songende)

Abwandlungen der traditionellen Quintfallsequenz

1) Wird die Akkordfolge nicht streng diatonisch durchgeführt, sondern alternierend als Moll – Dur – Moll – Dur usw., entsteht die 25-Sequenz, die mit der Quintfallsequenz eben nur noch den Quintfall gemeinsam hat.[3] Ein sehr plakatives Songbeispiel unter den Jazzstandards (Realbook) ist You are my everything oder Yours is my heart alone (Dein ist mein ganzes Herz, Franz Lehar), bei dem ausgehend von der Tonika ein Tritonussprung in einen Mollakkord gemacht wird, der die 2 zu einer nachfolgenden 5 ist, darauf folgt wieder zweimal genau das selbe: 25 25, wobei die 2 nach der 5 immer als vorherige vermollte 1 begriffen werden muss. Korrekt notiert also: 1 X=25, -1=25, -1=25, -1=2. Als seltenes Popmusikbeispiel kommt von Neil Sedaka der Song Breaking up is hard to do in Frage, dort in der Bridge, die mit der vermollten Durtonika beginnt und so aussieht (komplett halbtaktige Harmoniewechsel!):-1=2525 1515 -1=2525 1=995Q5Q55. In der Notation ist also dieses Zweifünfverhältnis sehr gut nachvollziehbar, nicht aber mit der traditionellen Riemannschen Funktionsschreibweise.

2) Die traditionelle Quintfallsequenz kennt eine Spezialversion, in der die Stufe 7 durch die Stufe 8 ersetzt wird, welche dann als Neapolitaner funktioniert. In der Popmusik ist die Bridge in Crawling up a hill von Katie Melua ein sehr gutes Beispiel für eine solche Abwandlung: +2=48+3+6+251, allerdings wird an dieser Stelle die 8 nicht als Neapolitaner, sondern sequenziell als 2-5-Kettenglied gehört, weil die 8 am Anfang der Sequenz an zweiter Stelle steht und nicht am Ende oder in der Mitte.

 

[1] Dings, Manfred & Krämer, Thomas: Lexikon Musiktheorie. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2005, S. 224

[2] Mahnkopf, Claus-Steffen: Zur harmonischen Analyse. In: Musica, 49.Jhg., Hrsg. Barbara Barthelmes et. al., Bärenreiter, Kassel/Basel 1995, S.241

[3] Diese serienmäßige Quintfallsequenz, bei der nach der 5 immer eine Molltonika (-1) kommt, die sofort als eine neue zweite Stufe umgehört wird, wurde von Kessler S.109, Ziegenrücker S.181 und anderen Autoren Jazzkadenz getauft, als ob das schon lange, um nach Jazz zu klingen… Tatsache ist, dass dieser Kadenztyp fast nur im Jazz nachweisbar ist.