Poxymedon

Trompete / Sopranposaune / Musikwissenschaft

SMS-Gedichte von unterwegs

Das von mir neu erfundene Genre des SMS-Gedichtes

  • kein Text ist fiktional oder Fantasie, alles ist selbst erlebt und echt passiert
  • alle Texte wurden tatsächlich als SMS (spontan während Zug- und Straßenbahnfahrten) getippt, erfunden und versendet. Deshalb ist der Zeichenvorrat auf 6 Partitionen und exakt maximal 918 Zeichen begrenzt (zumindest auf meinem Samsung-Telefon).
  • Im Vordergrund steht immer der sehr hohe Mitteilungs- oder Kommunikationswert tatsächlicher Lebenssituationen oder Ereignisse, weshalb keine SMS als Gedicht eine Überschrift hatte und diese erst nachträglich (falls überhaupt) ergänzt wurde.
  • Deswegen gibt es auch kein Lyrisches Ich! Autor und Schreiber, Sender und Ich – alles die selbe Person, nämlich ICH, ich bin also identisch mit der Person, die hier in den SMS Aussagen macht.
  • Es gibt nur offene Formen, also keine festgelegte Struktur in Länge, Reimschema, Versmaß, Strophenbau, Einheit der Form oder Sprachrhythmus. Ähnlichkeiten mit existenten traditionellen Gattungen (z.B. Ode, Chevy Chase, Sonett, Liedformen) sind grundsätzlich nicht beabsichtigt, nicht Sinn einer SMS und deshalb zufällig (falls überhaupt vorhanden).
  • Es gibt keine unadressierten SMS-Gedichte, die ich nur zum Imponieren versende und sich nicht an die angeschriebene Person richten, das schließt sich in einem Nachrichtenmedium aus. Alle Gedichte sind also nicht nur an irgendwen konkret versendet worden, sondern an genau diese Person kommunikativ gerichtet, so dass kein Gedicht um seiner selbst Willen versendet wird.
  • Es ist nicht wesentlich bzw. unerheblich, ob die Adressantinnen  selber lyrisch oder gereimt antworten oder nicht, weil nicht der Sinn ist, in Versen und Reimen gegenseitig Nachrichten zu versenden, die sich aufeinander beziehen. Sinn ist der Spaß an Lyrik im Alltag mit dem Mobiltelefon.
  • Es geht nicht um Liebeslyrik, wenngleich diese die häufigste und sie sehr prägsam für die Kreativität ist.
  • Trotz chronologischer Zuweisbarkeit sind alle Gedichte (bis auf zitierende Selbstbezüge als Ausnahme) nicht als Fortsetzungsroman, Briefroman, Kettengedichte oder sonst irgend etwas serienmäßiges zu interpretieren, sondern alle für sich allein autonom.
  • Die Zusatzerklärungen in eckigen Klammern sind bisweilen notwendige Paratexte, die außerhalb des lyrischen Kontextes stehen und ohne die manche Einzelheiten, Andeutungen oder dekontextualisierte Mitteilungen überhaupt nicht zu verstehen wären. Sie sollen dubiose Interpretationsverwüstungen verhindern (helfen), wenn es um banale, alltägliche Sachverhalte geht und nicht um verklausulierte Lyrik, die sich in unergründliche Geheimnisse hüllt.
  • Da es immer um Nachrichten geht, gibt es an und in den Gedichten nichts zu interpretieren und alle Spekulationen dahingehend sind müßig, überflüssig und fügen den Versen Metaebenen hinzu, die sie nicht von sich aus hergeben oder bestenfalls zufällig wären und vom Sender (mir) nicht beabsichtigt waren. Die klare, informative Sprache lässt keinen Interpretationsspielraum. Das sind teilweise Alltagsaphorismen.
  • Es handelt sich angestrebterweise um gesprochene Umgangssprache, wie jemand tatsächlich redet, so dass lyrisch, rhythmisch, silbisch, syntaktisch, oder reimmäßig begründete Abweichungen davon der Poesie geschuldet bleiben.
  • Wie viele Strophen, Verse, Zeilen und welche Aufteilung mehrstrophige Gedichte haben, welches Reimschema vorliegt, ob dieses konsequent durchgezogen oder gebrochen wird, vor allem warum alles so strukturiert ist, ist ebenso dem Zufall geschuldet, weil unterwegs, wo fast alle SMS-Gedichte entstanden sind, um die Warte- und Fahrzeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu überbrücken, sich solche Strukturen durch die Wortwahl und das Nachrichtenthema (Information, Tagesgeschehen, Trost, Fragenklärung, Freizeitplanung usw.) intuitiv ergeben und nicht mit lyrischer Verbissenheit oder Gewalt versucht wird, die Struktur dem Nachrichtenwert überzuordnen. Außerdem bleibt nicht viel Zeit zum Schreiben in Straßen- und S-Bahnen. Mein Grundsatz lautet: spätestens beim endgültigen Aussteigen muss die gereimte Mitteilung fertig sein und abgesendet werden. Deshalb kann Zeitdruck zu besonderen Ausformungen der Länge, Wortwahl und des Strophenbaus führen.
  • Das Datum ist kein Name für das Gedicht und auch kein Gedichttitel, soll aber den chronologischen Verlauf nachempfinden helfen.

22.4.2013

Danke für das tolle Angeschmachte
und genauso deine Komplimente!
DAS ist es, woran ich selbst grad dachte,
weshalb ich die SMS jetzt sende.

Eigentlich fühl ich mich sehr betrübt,
die „Tanzmusik“ war sch…äh, gar nicht gut.
Ich habe heut noch nicht einmal geübt
und wieder gabs statt Paartanz nen Disput.

Der war nicht laut, hat mich aber genervt.
Ich mach Musik und sie hat nur geplauscht.
Ich wollte nicht, dass sich das noch verschärft,
da hab ich die Tanzpartnerin getauscht.

Mal sind die Späße schlecht und ich zu laut,
mal bin ich, wie sie meint, „voll überdreht“,
dann wird nach andren Tanzpaaren geschaut,
bis eines nach dem andren schließlich geht.

Mappenweise ham wir eigne Lieder,
doch sie kuscht, statt selbst zu protestiern.
Das bleibt an MIR hängen – immer wieder.
Ich habs satt, will nicht immer pariern.

Lass uns lieber morgen davon sprechen.
Wegen ihrer Haltung könnt ich brechen!

[Es gibt am Ende nur deshalb zwei einzelne Zeilen und nicht 4, weil der Zeichenvorrat aufgebraucht war, um noch zwei weitere zu schreiben. Dass ich nicht geübt hätte, bezieht sich in diesem Fall nicht auf das Tanzen oder Vokabellernen, sondern das Sopranposaunespielen. Mappenweise heißt, dass wir 2 gut gefüllte CD-Mappen mit eigener Musik haben, die nach Standard- und Lateintänzen sortiert sind. Mit „brechen“ ist kotzen gemeint. Wie immer geht es um meine Tanzpartnerin und unser Paartanztraining. Für mich war besonders ärgerlich, dass sie sich von meinen eigenen Quickstepsongs in einer „Tanzmusikpause“ extra einen gewünscht hatte, auf den wir dann auch tanzten. Als ich dann aber selber auf einen solchen Song mit ihr tanzen wollte, hatte sie das ignoriert und sich festgequatscht. Wie im Gedicht steht, neigt sie dazu, zu kuschen, sich still zu verhalten, sich über diese scheiß Turniertanzschlagerschnulzenmusik nicht zu beschweren und deklariert jeglichen Protest meinerseits als abtrünniges und dissidentes Revoluzzerverhalten, das hier nur störe, provoziere, unangenehm auffalle und uns irgendwie schaden würde, obwohl wir hier seit 4 Jahren fest integriert und das beste Tanzpaar aus unserer Breitensportgruppe sind – wir nehmen nämlich bereits an Amateurturnieren teil.]

17.6.2013
Planungsbestätigungen
[Titel nachträglich hinzugefügt]

Jasmin sagt grad,
ihr sei’s viel wert
mit mir morgen zum Tanz zu gehn
damit wir uns überhaupt sehn.
Ausfall’n wird nur der Unterricht.
Das sei zwar schad,
doch das Konzert
verpassen wir deshalb auch nicht!

Das Training ist am Vormittag
und da sie mich und ich sie mag
und beide dich und die Musik
macht sie mir keinen Zickenkrieg.

Wir sehn uns also – ich und du –
morgen um acht in aller Ruh‘
in der Kölner Philharmonie
und lauschen jeder Melodie.

[Ein besonderes Konzert am folgenden Tag in der Philharmonie überschnitt sich zeitlich mit dem Tanzsportunterricht, der regelmäßig dienstags um 21:00 Uhr für mich und meine feste Tanzpartnerin stattfindet. Ich hatte zwecks Absprache mit ihr telefoniert, was wir aus der Situation machen]

14.7.2013
Das Fahrwegedilemma
[Titel nachträglich hinzugefügt]

Wenn die Linie 18 kommt
mit Endstation in Thielenbruch
„riskiere ich jetzt nen Versuch
und fahre zu dir einfach prompt?“

denk ich und steig mit Fahrrad ein.
Du würdest ganz gewiss froh staunen
schaute ich, statt zu posaunen,
mal so eben bei dir rein.

Dann jedoch ruft meine Pflicht,
wenn mein Gewissen zu mir spricht.
Säh‘ ich auch lieber dein Gesicht –
auf beides bin ich doch erpicht! –
mach ich mir klar: „Das geht jetzt nicht!“

und steig beim Bahnhof Mülheim aus.
Auf’s Üben freue ich mich groß,
doch nachher geht das wieder los!
Fahr ich, statt heim, zu dir nach Haus?

Es gibt kaum einen Kompromiss.
Die Sehnsucht keimt in einem Fort,*
zu Hause oder beim Tanzsport,
weil ich dich, egal wo, vermiss!

*[Wortspiel: mein Probenraum befand sich in einem historischen Militärgebäude aus dem 19.Jh., das den Namen Fort XI hat. Von diesen Forts sind rund um Köln noch einige erhalten geblieben, die unterschiedlich oder gar nicht genutzt werden.]

10.1.2014
Ich fahre endlich einmal mehr zu dir
für dieses herrliche Gemeinschaftsgefühl „WIR“.
DAS ist inzwischen mir längst nicht mehr neu
und darum sinkt seit Neujahr meine Scheu,
Verabredungen und auch Pünktlichkeiten –
hier mussten wir ja leider öfters streiten –
mal strikt und zuverlässig einzuhalten.
So können wir vielmehr Freizeit gestalten.
Das ist der Sache würdiges Verhalten
und ich bleib dieser Einsicht, hoff ich, treu!

1.7.2014
Geliebte, nun sitz ich im Bus
nach Mülheim. Besser als zu Fuß.
Im Voraus schon mal einen Kuss
und von Marlies auch einen Gruß.

Im Rucksack ist die Partitur
mit den „Planeten“ und noch mehr:
Ersatzwäsche, ein Jogurt nur.
Den löffel ich zum Frühstück leer.

An Haarfarbe ist auch gedacht.
Wir färben nicht mehr heute Nacht
und auch nicht morgen irgendwann,
erst, wenn ich zeitlich besser kann.

[Gustav Holst: „Die Planeten“ = Orchesterkomposition]

19.6.2015
Die Fahrt zum Jahrgangstreffen
[Titel nachträglich hinzugefügt]

Guten Morgen du, Christine!
Nun sitz ich im Reisebus,
ist billiger als auf der Schiene,
ohne Abschied, ohne Kuss,
verlasse Köln, fahre nach Bremen,
werd mir was zu lesen nehmen.

Auf dem Weg von Köln nach drüben
denk ich nach über uns beide.
Ich muss dich vermissen üben
als Verlust, an dem ich leide.
Bremen, meine Heimatstadt,
erkundschafte ich mit dem Rad.

Das Jahrgangstreffen – meine Herrn! –
wird morgen um 12 Uhr gestartet.
Das ist für mich schon sehr fern.
Als GRUFTI werd ich nicht erwartet!
Plaudern wir bis in die Nacht?
Wird bis zum Morgen durchgemacht?

Ich könnt ne ganze Woche bleiben,
in Erinnerungen schwelgen,
Leute treffen, Zeit vertreiben,
fortbewegt auf meinen Felgen.
Du wärst dort völlig verloren
in der Stadt, wo ich geboren

wurde. Alle kenn ich nicht
nach mehr als 13/14 Jahr’n,
im besten Fall noch das Gesicht.
Schon seltsam, jetzt dort hin zu fahr’n.
Am Sonntag komm ich wieder her.
Tschüss! Dein BeziehungsanwärTER

[Die letzten drei Buchstaben habe ich wegen der scherzhaften Falschbetonung zwecks Reim extra groß geschrieben]

 28.1.2015
Krankenhausbesuchsreise
[Titel nachträglich hinzugefügt]

Guten Morgen Allerliebste!
Einen schönen Gruß, den gibste
bitte an die Mutter weiter.
Ich erwachte heute heiter
schon um 4 Uhr in der Frühe!

Draußen war nichts zu erkennen,
ich konnte nicht länger pennen
trotz vergeblicher Versuche
was zu lesen in nem Buche,
bis um fünf der Wecker piepte.

Dann ging alles routiniert:
die Kleidung rausgesucht, rasiert,
geduscht, gefrühstückt, Rucksack schnappen,
anziehn, raus und Tür zuklappen,
Fahrrad hol’n, zum Bahnhof rasen.

Alles frei auf allen Straßen.
Im Zug nach Unna fahr ich jetzt
und hab mir in den Kopf gesetzt
dir mein Versprechen einzulösen
statt daheim im Bett zu dösen.

Ich zieh das durch, ganz konsequent.
Gerad passier ich Wuppertal.
Deine OP fühl nicht als Qual,
denn wenn du danach heil aufwachst,
wünsch ich dir, dass du wieder lachst!